Erste-Hilfe-Tipps in Konflikten

Erste-Hilfe-Tipps für Konflikte – Übersicht

  1. Spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen!
  2. Unterbrechen Sie die Situation!
  3. Sprechen Sie persönlich!
  4. Sprechen Sie über Ihre Gefühle anstatt sie auszuagieren!
  5. Stellen Sie Fragen: Verstehen ≠ Verständnis haben ≠ Einverstanden sein
  6. Bonus: Engagieren Sie einen Experten!

Konflikte sind normal

Konflikte sind normal. Als Individuen, die mit der Welt und anderen Menschen interagieren, ist es normal, dass es in dieser Interaktion zu Reibungen kommt. Diese Reibung fordert uns heraus. Wir sind gefragt, eine Haltung zu finden, uns zu positionieren, uns zu entwickeln.
Manche Konfliktsituationen scheinen uns im ersten Moment zu überfordern. Auch das ist normal. Hier sind einige wertvolle Erste Hilfe Tipps für den Konflikt-Notfall.

Wir sind nicht mehr wir selbst.

Im Stress eines sich aufschaukelnden Konfliktes stehen uns nicht mehr unsere vollen Problem-Lösungs-Kompetenzen zur Verfügung steht.
Unser Denken, Fühlen und Wollen ist eingeschränkt. Unsere Wahrnehmung – sowieso durch unsere individuelle und persönliche Perspektive verengt – wird durch den Konflikt noch schmaler.

1. Spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen und Atmen Sie durch!

Im Stress einer akuten Konfliktsituationen sind wir oft außer uns. Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst.
Wenn Sie im direkten Streitgespräch sind, und die Situation eskaliert, spüren Sie Ihre Füße auf dem Boden. Die gesamte Unterseite ihrer Fußsohle.
Atmen Sie tief in den Bauch und spüren Sie, wie Ihr Körper von Luft erfüllt wird.
Sprechen Sie erst wieder, wenn Sie Ihren Atem und Ihre Füße deutlich spüren können. Sie müssen nicht schnell antworten. Im Gegenteil: Wenn Sie kurz innehalten und sich erden, hat auch ihr Gegenüber Zeit ruhiger zu werden.

2. Unterbrechen Sie die Situation

Sollte das nicht reichen, unterbrechen Sie das Gespräch: „Verzeihung, ich glaube, das Gespräch ist gerade nicht mehr fruchtbar. Es ist mir wichtig, dass das hier nicht weiter eskaliert. Lassen Sie uns eine Pause machen und in einer halben Stunde/morgen/beim nächsten Meeting weitersprechen.“ Der Streit wird nicht weglaufen.
Gehen Sie an die frische Luft. Am Besten in die Natur. Gehen Sie Spazieren, fahren Sie Rad, joggen Sie.

Unterbrechen Sie die Automatismen!

Im Stress des Konfliktes agieren wir nicht mehr frei und autonom. Neurophysiologisch übernimmt unser ältester Hirnteil, die Amygdala. Ihre große Kompetenz ist, uns schnell und ohne viel Überlegen vor Gefahr zu bewahren. Wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt, können wir nicht lange intellektuell abwägen, wir handeln schnell und instinktiv.
Attackiert uns der aggressive Kollege, geraten wir genauso in Stress und reagieren zuerst instinktiv. Sehr bald trifft die Konflikterfahrung auf alte, gelernte und meist unbewusste Reaktions-Muster und Glaubenssätze. Diese verstärken und verfestigen den Stress. Der Stress wiederum verstärkt die Reaktions-Muster. In der Wissenschaft heißt dieser entstehende Teufelskreis „Emotionaler Reaktionskreislauf“. Wenn Sie von Gefühlen überflutet sind, sind Sie nicht sie selbst.
Unterbrechen sie den Teufelskreis, in dem Sie sich erden (siehe oben) und dann die Situation unterbrechen. Geben Sie sich – und ihrem Konfliktpartner – Raum, um wieder zu sich zu finden.

3. Gehen Sie in den persönlichen Kontakt!

Schreiben Sie keine Emails und keine SMS- oder WhatsApp-Nachrichten. Sprechen Sie nicht über Dritte mit Ihrer Konfliktpartnerin.
Rufen Sie Ihre Konfliktpartnerin an, noch besser: Treffen Sie sie persönlich. Ist der Konflikt noch nicht stark eskaliert, treffen Sie sich alleine. Kein Schlagabtausch vor Publikum. Ist er schon ein bisschen eskaliert, bitten Sie eine vertrauenswürdige, unbeteiligte dritte Person hinzu.
Meinem Konfliktpartner beim Sprechen in die Augen zu schauen und die Reaktion auf meine Worte real – nicht vorgestellt – zu erleben, erhöht das Mitgefühl miteinander und beugt einer weiteren Eskalation vor.

4. Sprechen Sie über Ihre Gefühle – anstatt sie auszuagieren!

Sprechen Sie über Ihre Gefühle – anstatt sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Konflikte leben von ungeklärten Gefühlen. Unsere Gefühle werden uns unmittelbar geschenkt. Wir müssen nichts dafür tun. Sie sind sofort da. Wir sind verärgert, wütend, enttäuscht, fühlen uns hintergangen, nicht wertgeschätzt, nicht respektiert,…

In Konflikten werden wir von ungeklärten Gefühlen beherrscht. Sie verleiten uns sofort tätig zu werden. Wir agieren sie aus. Wir sind nicht mehr frei. Ein wichtiger Schritt um sich von Gefühlen nicht mehr beherrschen zu lassen, ist, über sie zu sprechen.

„Ich fühle mich, ehrlich gesagt, nicht verstanden.“
„Mit diesem Ergebnis bin ich unzufrieden.“
„Ich merke, dass mich das wütend macht.“
„Der agressiver Ton irritiert mich.“
„Ich bin frustriert von dieser Streiterei.“
„Ich merke, ich fühle mich nicht respektiert.“

Es gibt emotionale Gründe, warum wir uns in Beziehungskonflikten engagieren. Diese Gründe sind nicht objektiv oder moralisch, auch wenn Sie uns so erscheinen, sondern individuell und persönlich.
Sprechen Sie nicht davon, was „man“ macht oder nicht macht, sondern lieber davon, wie Sie sich behandelt fühlen, was in Ihnen innerlich vorgeht.
Fragen Sie Ihren Konfliktpartner, wie er sich behandelt fühlt, was in Ihm innerlich vorgeht. Hören sie aktiv zu, wiederholen sie was Sie verstanden haben um sicher zu gehen, dass das was Sie verstanden haben auch das ist, was Ihr Konfliktpartner sagen wollte.

5. Stellen Sie Fragen! Verstehen ≠ Verständnis haben ≠ Einverstanden sein

(nach Friedemann Schulz von Thun)

Im Konflikt ist unser Denken, Fühlen und Wollen, ja sogar unsere Wahrnehmung eingeschränkt. Sind wir sonst, kreativ, einfühlsam und schlagfertig – in Konflikten verengt sich plötzlich unsere Perspektive. Wir sehen nur noch eine Perspektive und eine mögliche Lösung und verlieren den Überblick. Wir glauben die Situation zu verstehen, aber in Wirklichkeit verstehen wir nicht mal uns selbst.

Stellen Sie Fragen! – Wer fragt, führt! Wer fragt, bestimmt den Verlauf des Gespräches und gestaltet den Weg zur Lösung.

Leider trauen wir uns häufig nicht, Fragen zu stellen. Etwas in uns will das Gegenüber gar nicht verstehen. Denn: Je besser ich mein Gegenüber verstehe, desto größer ist scheinbar die Gefahr, dass ich vielleicht Verständnis für ihn oder sie entwickele. Und wenn ich erst Verständnis habe, dann bin ich am Ende vielleicht sogar einverstanden?
Wir erleben den Konflikt als einen Grabenkampf, in dem wir unsere Position halten müssen. Fragen zu stellen scheint unsere Verteidigungslinie zu gefährden.

Aber: „Verstehen“, „Verständnis haben“ und „Einverstanden sein“ klingen sehr ähnlich und sind in unserem Sprachgebrauch nahe beieinander, aber sie sind nicht das Gleiche.

Versuchen Sie es!
„Ich will Dich erstmal nur verstehen. Das heißt nicht, dass ich Verständnis für Dich oder Deine Handlungen habe. Und das heißt schon gar nicht, dass ich einverstanden bin!“

Wenn Sie Fragen stellen und die Situation besser verstehen, dann entwickeln sie vielleicht wirklich Verständnis für die andere Person. Für ihre Situation, ihre Motivation, ihre Zwänge. Vielleicht haben Sie Verständnis für die andere Person – aber nicht für Ihre Handlungen.
Das ist in Ordnung.
Vielleicht haben Sie sogar Verständnis für die Situation, die Zwänge der anderen Person und für Ihre Handlungen. Sie können trotzdem nicht einverstanden sein.
Das wird in vielen Situationen – berechtigterweise – so sein. Ich kann viel verstehen und für viel Verständnis haben und trotzdem nicht einverstanden sein.

Verschenken Sie nicht die Chance besser zu verstehen, weil Sie Angst haben einverstanden zu sein.

Oder wie Friedemann Schulz von Thun sagt:
„Wenn Du „Verstehen“, „Verständnis haben“ und „Einverstanden sein“ auseinanderhälst und […] im Gespräch […] klar machst, dann hast Du eine enorme Chance auch mit schwierigen Mitmenschen ein Stück weiter zu kommen.“

Unterscheide zwischen verstehen, Verständnis haben und einverstanden sein ! Schulz von Thun

Holen Sie sich Hilfe!

Wir unterschätzen fast immer, wie schnell Konflikte uns gefangen nehmen und wir nicht mehr in der Lage sind sie alleine zu lösen.
Wir sind heute gewohnt, externe Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Wir kaufen uns Kompetenz ein. Warum nicht auch im Bereich Konfliktlösung. Das ist keine Schande. Es bedeutet nicht, dass ich es nicht alleine lösen könnte. Es zeigt, dass ich den Vorgang so wichtig nehme, dass ich qualifizierte Experten dafür engagiere.

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